„Der Kuaför aus der Keupstraße“

Rezension

Fällt der Begriff „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) erscheint einem das schweigende Gesicht von Beate Tschäpe im Gerichtssaal, ihr juristisches Taktieren der Anwälten, die mysteriöse Aura des Trios oder die dubiose Rolle des Verfassungsschutzes. Fast vergisst man dabei, was es angerichtet hat. Sie haben Attentate begangen, Menschen getötet und damit nicht nur Leben ausgelöscht, sondern auch das der Überlebenden, Opfer und Angehörigen zerstört und bis heute geprägt. Der vernachlässigten Opferperspektive auf die Taten des NSU nimmt sich der Filmemacher Andreas Maus in seiner 97-minütigen Dokumentation „Der Kuaför aus der Keupstraße“ an.

Unaufgeregt, menschlich und ohne provokativ erhobenen Zeigefinger wird hier der Nagelbombenanschlag des NSU vom 09. Juni 2004 auf ein Frisörgeschäft, geführt von Bürgern türkischer Herkunft, in seinen Folgen für die türkischen Geschäftsleuten, deren Familien und der Community im Mikrokosmos der Keupstraße bearbeitet. Maus lässt hier Betroffene in Interviews zu Wort kommen. Verhöre durch die Polizei, die jahrelang von einer Tat aus dem kriminellen Türstehermilieu ausgegangen ist, werden mit Schauspielern nachgestellt. Lange Schnitte und visuelle Leitmotive vermitteln eine Ruhe, die es dem Zuschauer ermöglicht, die geschilderten Erlebnisse der Protagonisten und das rassistisch anumutende Versagen der Polizei zu verinnerlichen. Eine Gegenbewegung zur Berichterstattung über den NSU, zur Mystifizierung des Trios, der Täter und der folgenlosen Skandalisierung der Machenschaften des Verfassungsschutzes. Die Kritik an den Ermittlungn der Behörden gipfelt in der Darstellung der medialen Inszenierung des Besuches von Joachim Gauck zehn Jahre nach dem Attentat. Maus bildet hier eine Realität ab, lässt die Betroffenen aus der Keupstraße über den Besuch von Gauck und ihre Gefühle darüber diskutieren. Der Zuschauer kommt nur schwer daran vorbei innerlich in die Diskussion einzusteigen.

Maus erfüllt in einfühlsamer Form die Verpflichtung des Genres „Dokumentation“. Sachlichkeit und Fakten, die man sich sich manchmal in intensiverer Form wünscht, werden hier ersetzt durch die Emotion der Betroffenen. Maus unterlässt Zuspitzung, Polarisierung, bombastische Bilder – er dokumentiert. Der Raum, den die Aussagen und Gefühle der Betroffenen in Maus Dokumentation entfalten können wird der Motivation, die Lebenswelt und Folgen der Betroffenen im Zusammenhang der Taten des NSU in den Fokus zu rücken, in jedem Fall gerecht. Ein wertvoller Beitrag im Dschungel der Deutungen des NSU.

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