Dokumentarfilm: Seefeuer

Veröffentlicht via Politik&Gesellschaft


Dokumentarfilm „Seefeuer“ (von Gianfranco Rosi)

Aktuell täglich im Abaton Hamburg Allende-Platz 3, 20146 Hamburg zu sehen

Der Dokumentarfilm „Seefeuer“ von Gianfranco Rosi ist kein Dokumentarfilm im klassischen Sinne. Die Kamera erzählt auf einer Ebene die Erlebnisse des kleinen italienische Jungens Samuele auf der Insel Lampedusa. Dem Zuschauer werden so Eindrücke seines Alltags auf der Insel geboten, die im Zusammenhang mit den Migrationsbewegungen auf der zentralen Mittelmeerroute zwischen Libyen und Italien schon seit langem im Fokus steht.

Intelligent inszeniert, versteht es Rosi hier die szenenartigen Ausschnitte über den kleinen Samuele als Metaphern und Analogien für die Geschehnisse im Kontext der Flüchtlinge vor der Küste Lampedusa zu inszenieren. Hier bildet er dokumentarisch Bergungsaktionen der italienischen Küstenwache, sowie das Ankommen in den Lagern auf der Insel ab. Dabei schafft es der Film, trotz aller Schonungslosigkeit keinen Elendsvoyeurismus zu betreiben. Der Verzicht auf dramatische, emotional aufgeladene Musik und die dadurch zum Glück fehlende Verzerrung zeigen die Not und das Elend, wie es ist.

Als bemerkenswertes Beispiel für die clevere Nutzung Samueles Alltag als Metapher für die katastrophale Situation der Migranten im Mittelmeerraum ist sein Besuch beim Augenarzt zu nennen. Dieser diagnostiziert ihm ein träges Auge, das ihn hindert scharf zu sehen. Das andere ist gesund. Auf Anraten des Arztes soll er nun eine Augenklappe tragen – auf dem gesunden Auge. Damit das kranke Auge gezwungen wird, aktiv zu werden, zu arbeiten und zu genesen. Wir als Teil der sicheren und wohlbehüteten ersten Welt können davon viel lernen. Vielleicht sollten wir uns merken, dass es notwendig ist, unsere Wahrnehmung ernsthaft zu hinterfragen. Unsere funktionierende Sicht auf die Dinge, die klar und einfach wahrzunehmen sind, für eine Zeit ablegen. Damit wir wirklich in der Lage sind, zu sehen und zu begreifen, was da seit Jahren vergleichsweise nahe vor unserer Haustür, vor den Toren Europas passiert. Um ein neues Verständiss zu erlernen und zu verinnerlichen.

„Seefeuer“ gelingt beides. Zum einen transportiert er die große Gleichgültigkeit der Menschen auf Lampedusa, die noch viel näher dran, ihren eigenen Alltag verfolgen. Genauso wie wir es trotz Kleiderspende in den Messehallen tun. Zum anderen begleitet der Film jedoch klassisch dokumentarisch einen italienischen Arzt, der in seinem Beruf ebenfalls auf einem der Boote der Küstenwache arbeitet, die die Flüchtlinge retten und bergen. Die Bilder, die dabei entstehen, machen einen natürlich sprachlos und hinterlassen ein dumpfes Gefühl. Jedoch schaffen es die Metaphern und Analogien über den Erzählstrang Samueles, auf eine kluge Art und Weise an uns als Zuschauer und Verantwortliche zu appellieren.

„Seefeuer“ entlässt den Zuschauer nur im ersten Moment mit dem Gefühl der Resignation. Da er im Kino und nicht im schnelllebigem Zirkus des Fernsehens oder Internet stattfindet, bündelt er die nackte Wahrheit mit unserer Gleichgültigkeit. Damit macht er nicht sprachlos, sondern empört. Vielleicht ist es genau das, was wir brauchen.

Ebenso überzeugt war die Jury der diesjährigen Berlinale, die den Film auszeichnete.

Zum Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=D5hH3titte0

 

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