Per Livestream über das Mittelmeer

Einreichung bei „360 Grad. Das studentische Journal für Politik und Gesellschaft“ Call for Papers zum Thema „Trauma“

Essay

Allen Unkenrufen zunehmender gefühlter Unsicherheit zum Trotz leben wir als Teil der westlichen Industriegesellschaft in einer sicheren und wohlbehüteten Umwelt. Nicht zuletzt die Migrationsbewegungen verdeutlichen, dass unsere Realität von vergleichsweise geringer psychischer und physischer Verletzbarkeit geprägt ist. Die Berichterstattung von den Kriegsschauplätzen und Elendsorten dieser Welt lässt nur erahnen, welcher Brutalität andere Menschen ausgesetzt sind. Krieg, Elend und die ständige Bedrohung durch Armut gestalten desaströse Lebensqualitäten mit weitreichenden Folgen für die emotionale Unversehrtheit. Tiefgreifende Verletzungen der Gefühlswelt sind sicherlich nur durch eine gnadenlose Anpassungsfähigkeit zu ertragen. Spurlos gehen diese Umstände an niemandem vorbei, sie hinterlassen innere Wunden.

Die seelische Wunde

Die Vokabel der „seelischen Wunde“ übersetzt sich aus dem altgriechischen Wort „Trauma“ und ist wohl zutreffend auf diese Realitäten. Im Jahre 1980 fand das Trauma den Weg in die medizinische Katalogisierung psychischer Krankheiten. Diese klassifiziert die seelische Verletzung nach der Diagnosebezeichnung ICD-10 als „Geschehen von außergewöhnlicher Bedrohung oder mit katastrophalem Ausmaß, das nahezu bei jedem eine tiefgreifende Verzweiflung auslösen würde“ (Schellong 2015: 334). Auch weitere Diagnosesysteme stellen heraus, dass eine direkte Beteiligung vorliegen muss. Eine Traumatisierung durch indirekte Beteiligung, also etwa durch den Konsum von audiovisuellen, medialen Sinneseindrücken aus der Distanz ist demnach ausgeschlossen. Seit dieser medizinischen Erfassung von Trauma hat sich jedoch auf Seiten der Medien und der emotionalen Anforderung an die Rezipienten ein bemerkenswerter Wandel vollzogen.

Medien: Rezipienten als Opfer?

Nicht vergessen, uns geht es gut. Im globalen Kontext nahezu paradiesisch. Sicher, im privaten Umfeld und durch katastrophale Schicksalsschläge des Alltags ist potentiell jeder gefährdet ein Trauma zu erfahren. Krieg, Elend und ständige Bedrohung gehören allerdings nicht zum Alltagserleben. Neben hohen Standards an Sicherheit und Wohlstand, genießen wir das Privileg nie dagewesenen, technologischen Fortschritts. Ohne Aufwand können wir uns Bildern, Tönen und Eindrücken von den traumatisierenden Lebenswelten auf unserem so friedlich anmutenden, blauen Planeten aussetzen. Doch was macht diese Flut an Bildern mit uns? Ist es vermessen zu behaupten, dass man im Cafe des Szeneviertels bestens versorgt mit lactosefreien Cafe Latte und dem Smartphone als Fenster zur Welt eine seelische Verletzung davontragen kann? Seit der offiziellen Klassifizierung sind nun mehr als 30 Jahre vergangen. Die Menge an potentiell traumatisierenden Medieninhalten, die Möglichkeiten deren ständigen Abrufens, sowie die Vernetzung der Menschen nimmt seitdem exponentiell zu. Zeit sich weiter Gedanken zu machen, was mit unseren Köpfen und Herzen in diesem Dauerfeuer von Not und Elend passiert.

Alte und neue Formen der Inszenierung

Betrachten wir den Duktus der Medien und hier zuerst des Fernsehens ist mittlerweile vielen Menschen klar, dass eine nüchtern-sachliche Analyse hier eher zu suchen, als zu finden ist. Und dies liegt nicht daran, dass böse Mächte sich ihrer als Lügenpresse bedienen. Nein, denn im Kampf um Quote und Marktanteile ist die objektive Information als Inhalt von geringerer Durchschlagskraft. Drastische Bilder, untermalt mit peitschender Musik durchsetzt von schnellen Schnitten stellen einen Standard dar. So kann der zum Weiterschalten geneigte homo zappens genau davon abgehalten werden. Den Kern bildet dabei die Emotionalisierung von Inhalten. Die informative Ebene weicht der emotionalen. Im Kontext von Trauma ein relevanter Aspekt. Die Hemmschwelle Inhalte mit hoher psychischer Intensität zu zeigen, sinkt durch diese Eigendynamik weiter und das nicht erst seit gestern – Aufmerksamkeit statt Content ist die Devise.

Mittlerweile wird ein Großteil der Inhalte in den sozialen Netzwerken vermittelt. Fernab redaktioneller Schranken kann man live per Stream mit Kaffee und Kuchen an einem gemütlichen Sonntagnachmittag auf dem Balkon bewegte Bilder von den Schauplätzen des Elends dieser Welt empfangen. Über Stream-Apps a la periscope sind bewegte Bilder des Putschversuchs in der Türkei und der dortigen Ermordung von Menschen ebenso verfügbar wie der Weg von Flüchtlingen über das Mittelmeer. Nicht zu vergessen, die Handyvideos in Echtzeit rund um den Amoklauf in München. Die sozialen Netzwerke machen potentiell Jeden zum Sender und erweitern die Emotionalisierung um das Kriterium der Masse und Diffusität. Sicherlich ein alter Hut für den aufgeklärten, kritischen digital native.

Die medizinische Klassifizierung der unbedingten, direkten Aussetzung einer bedrohlichen Situation könnte hier eine erweiternde Diskussion benötigen. Denn Sinneseindrücke, die jedes grauenhafte Detail von Ereignissen in unsere zivilisierten Endgeräte transportieren, sind beinahe unumgänglich. Vor allem die Analogie zur altgriechischen Übersetzung des Wortes „Trauma“ als „seelische Wunde“ erscheint hier ertragreicher als die starre, medizinische Klassifizierung. Eine Wunde braucht Zeit um sich zu schließen. Schon als Kind lernt man die Finger von einem aufgeschürften Knie zu lassen. Die Kurzatmigkeit des Mediengeschäftes und die Kaskade an Medieneinschlägen lassen einer Heilung der vermeintlichen seelischen Wunde jedenfalls nur wenig Zeit zur Regeneration.

Traumafolgen durch Medienkonsum – Diskussion

Die Folgen einer traumatisierenden Situation für direkt Betroffene sind vielfältig. Auf kurze Sicht, stellt eine dauerhafte Aussetzung von Stresshormonen, das Gefühl der Desorientiertheit, der Betäubung oder der Schockstarre nur einen kleinen Ausschnitt dar. Sozialer und Emotionaler Rückzug machen Betroffenen das Nacherleben zur Qual. Der überwiegende Großteil ist in der Lage den erschütternden Ausnahmezustand der Seele mit der Zeit individuell zu verarbeiten und in die eigene Gefühlswelt zu integrieren (Schellong 2015: 336). Gelingt dies nicht, dauert er an. Es erscheint paradox und vermessen, die These in den Raum zu stellen, ob man als gemütlicher Beobachter und indirekter Teilnehmer ähnliche Symptome davontragen kann. Doch ist das wirklich so?

Auch in Fachkreisen stellen sich Psychologen und Mediziner diese Frage. Roxanne Silver et. al haben sich diesbezüglich die Berichterstattung zu den Anschlägen auf den Boston Marathon am 15. April näher angeschaut. Ihre Studie deckt das Potential zwischen intensivem, dauerhaftem Medienkonsum und der Entstehung von Stresssymptomen auf. Sogar eine konkrete Zahl steht hier im Raum: Mehr als sechs Stunden täglich erhöht das Risiko für akute Folgeerscheinungen um das neunfache (Garfin/Holman/Silver 2013: o.S.). Interessant: 2015 war jeder Deutsche 452 Minuten täglich, also mehr als 6 Stunden audiovisuellen Medien ausgesetzt. Spannend ist hier der Kommentar der Psychologin Brigitte Lueger-Schuster der Universität Wien. Ihre Erfahrung unterstreicht Silvers Ergebnisse. Nach ihr kann eine seelische Wunde nicht nur dann entstehen, wenn wir traumatisch vorbelastet oder direkt am Ereignis beteiligt sind. Intensiver Medienkonsum kann hier eine Rolle spielen und vor allem bei Menschen mit geringerer innerer Widerstandskraft (Resilienz) und schwächer ausgeprägten Distanzierungsmechanismen Symptome hervorrufen.

Doch wie das mit Symptomen nun mal so ist. Ein Husten am Morgen bedeutet noch keine Lungenentzündung. Nur weil sich ähnliche Folgeerscheinungen finden lassen, reicht das nicht um den Moment der Medienrezeption mit der Erfahrung direkt Betroffener gleichzusetzen. Ebenfalls kann man sich bei mehr als sechs Stunden Medienkonsum fragen, ob eine Stressreaktion des Körpers nicht einfach einen Hilferuf darstellt das Haus zu verlassen und an die frische Luft zu gehen. Trotzdem bietet die Betrachtung von Medienkonsum unter Aspekten der Traumafor­schung anregende Analogien. Denn, wenn sich ein Eindruck erhärtet, ist es der, dass das alles sicherlich nicht spurlos an uns vorbeigeht.

Wir konstruieren unser Weltbild außerhal­b des direkten Alltages über die Medien. Daran ist erstmal nichts auszusetzen. Es gibt großartige Möglichkeiten, Einblicke zu gewinnen und an Geschehen am anderen Ende der Welt teilzunehmen. Immer können wir aber auch aus sicherer Distanz einen Blick auf Situationen werfen, die traumatisierend sind. Auf Situationen, die ein „Erlebnis, das größer ist als man selbst“ (Bonus 2006: 33) darstellen. Sicher trennen uns meist tausende Kilometer, aber im ersten Moment der Rezeption nur das Display unserer Endgeräte als emotionaler Schutzschild. Wir können die Situation nicht direkt fühlen, riechen. Wir wissen nicht, wie es sich anfühlt dort zu sein. Auch haben wir die Macht die Situation zu beenden – Macht durch Ausschalten.

Doch bei aller Distanz ist der Mensch mit mehr als einem beispiellosem Verdrängungs- und Anpassungsmechanismus ausgestattet: Empathie und Hilfsbereitschaft. Die Virtualität des Grauens prallt hier auf die räumliche Distanz. Diese macht es unmöglich den Impuls eines möglichen Eingreifens jemals in die Tat umsetzen zu können. Die Psychotraumatologie liefert hier ein anregendes Gleichnis. Für die Psychologen Fischer und Riedesser stellt das Trauma ein „Diskrepanzerleben zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen der Hilfslosigkeit […] einhergeht“ (Riedesser/Fischer 2009: 84), dar. Direkt Betroffene sind natürlich aus weitaus gravierenderen Gründen nicht in der Lage sich einer Bedrohung zu erwehren. Was kann jedoch eine halbe Nacht über Twitter und parallel dazu vor dem Livestream, da einem die Geschehnisse um den Militärputsch in der Türkei einfach keine Ruhe lassen, bedeuten? Man nimmt deutlich distanziert innerlich, aber doch empathisch am Geschehen teil. Eine Möglichkeit zu interagieren, zu handeln, die Situation zu beeinflussen, besteht jedoch nicht. In andersartiger Qualität unterliegt also auch der Medienkonsument dem Diskrepanzerleben, da er seinen emotionalen Impuls niemals in die Tat umsetzen kann.

Die Konstruktion über die Medien, wie hochwertig die journalistische Qualität auch sein mag, bleibt fiktional und kann nie die direkte Teilnahme ersetzen. Sie lässt uns nur einen Ausschnitt erhalten. Und von denen gibt es reichliche. Die heutige Medienlandschaft (TV, Print, Radio, Online etc.) ist vielfältig und spannend, aber auch diffus und omnipräsent. Selbst in der Bahn per Fahrgastfernsehen auf dem Weg zur Uni wird einem die eigene Handlungsunfähigkeit in Anbetracht grausamer Geschehnissen rund um den Globus vor Augen geführt. Unser Gehirn und emotionales Empfinden sind keine genetisch vorprogrammierten Systeme. Sie entwickeln sich in einem interaktiven Austauschprozess mit den Eindrücken unserer hochtechnologisierten Informationsgesellschaft. Dieser Prozess bedingt sich durch Erfahrungen und vollzieht sich als Beweis sogar auf neuroplastischer Ebene. Eine großartige Erfindung der Natur. So sind wir in der Lage uns weiterzuentwickeln und anzupassen. Hier scheint es naheliegend, dass traumatisierende Medieninhalte negative Einflussfaktoren darstellen. Und es zeigt sich wieder die diffuse Schräglage, in der sich der Medienkonsument befindet. Ein wirklich interaktiver Austauschprozess kann meist gar nicht stattfinden. Der Zuschauer als Empfänger spielt hier oft die Rolle des handlungsunfähigen Untertanen, auf den der medialer Regen einprasselt. Selbst, wenn er sich über das Internet dem klassischen Sender-Empfänger-Systems der alten Medien wiedersetzt und Produzent von Inhalten wird. Er bewegt sich in einem Teilsystem, das von eingangs beschriebenen Dynamiken geprägt ist. Ohne kritische Reflexion des eigenen Outputs und der Form der Inszenierung seines Blogs und/oder Social Media-Profiles unterliegt er so lediglich dem eingangs erwähnten medialen Duktus.

PTBS – oder was ist da los?

Direkt Betroffene, denen die Verarbeitung nicht gelingt, haben mit gravierenden Langzeitfolgen zu kämpfen. Gefühle der emotionalen Abstumpfung und Gleichgültigkeit sind hier ebenso zu nennen wie eine nachteilige Veränderung der Gefühlsregulation und der Einstellung gegenüber der Welt – Stichwort Hoffnungslosigkeit und Depression. Die Diagnose lautet PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) (Schellong 2015: 336).

Damit sind die Betroffenen in der empirischen Betrachtung der Entwicklung von mentaler Verfassung unserer westlichen Industrienationen zumindest im Kontext von Zahlen nicht alleine. Immer mehr Menschen leiden an psychischen Erkrankungen. Die Gründe dafür sind vielfältig und mehr als komplex. Sicherlich spielt hier ein allgemeiner gesellschaftlicher Wandel eine Rolle, der von Entsolidarisierung und dem Verfall verlässlicher Strukturen geprägt ist.  Hohe Scheidungsraten, niedrige Geburtenzahlen und eine wachsende Anzahl von Single-Haushalten sind ein Zeichen dafür, wie sehr die Familie als Keimzelle der Gesellschaft als nur ein Indikator für diesen Trend an Wert verliert. Der (Zusammen-)Halt fehlt. Soziale Bindungen gestalten sich zunehmend virtuell, distanziert und abstrakt. Diese mediale Form des Kontakts kann in die Lücke fehlender Nähe drängen. Und ist damit in seiner Schlagkraft auf unsere mentale Verfassung stärker als in vorherigen Generationen. Nur ein kleiner Einblick in Tendenzen, die für das bindungsorientierte Wesen Mensch von Nachteil sind. Es liegt nahe, dass auch die Resilienzbildung, die psychische Widerstandsfähigkeit, hier großen Herausforderungen ausgesetzt ist. Eine Zunahme an Masse der Informationskanäle für Inhalte mit hoher psychischer Intensität prallt hier auf eine steigende Menge an Individuen, die sich immer schlechter von diesen distanzieren und mental schützen könnten.

Einem übermäßigen Konsum hier eine mögliche Folgediagnose im Stile der PTBS kausal in Verbindung zu setzen, scheint letztlich weit hergeholt. Jedoch ist bei der Suche nach einer Beschreibung unserer Einstellung zum Geschehen beispielsweise in Syrien ein ähnlicher emotionaler Zustand der Hoffnungslosigkeit, Abstumpfung durch sich wiederholende Medieneinschläge und resignierter Gleichgültigkeit naheliegend. Ein Zustand, auf den die Medien als Vermittler von Botschaften sicherlich nicht bewusst abzielen. Jedoch mit katastrophalen Folgen für die Bereitschaft sich überhaupt auf die Suche nach möglichen Lösungswegen zu machen. Die morgendliche Twitterschau löst trotz des befriedigten Bedürfnisses nach Information ein Gefühl der Resignation aus. In seiner Masse sind wir längst an die täglichen Hiobsbotschaften gewohnt. Von inspirierenden Impulsen der Empörung und Wut haben wir uns längst distanziert. Nicht zu vergessen, das institutionalisierte Gefühl der erwähnten Handlungsunfähigkeit. Eine Aktivierung findet dadurch jedenfalls nicht statt.

Was in jedem Fall zu attestieren ist: Die Lücke an Halt und verlässlichen Bindungen eröffnet der Konstruktion der Wirklichkeit über die Medien einen größeren Spielraum und damit auch der Wirkung auf das emotionale Erleben der Rezipienten. Der allgemeine gesellschaftliche Wandel läuft parallel zur omnipräsenten, medialen Dauerbeschallung. Beide Stränge multiplizieren sich in ihren Überschneidungspunkten wechselseitig und damit in ihren negativen Folgen. Wie als Teil dieser Gesellschaft können uns also potentiell von mehreren Seiten als „negativ eingekreist“ (Faust o.J.: 4) betrachten.

Die Angst um Leib und Leben spielt in unserem Alltagserleben eine abstrakte Rolle. Der Mensch ist zur Selbsterhaltung mit einer angeborenen Fähigkeit der Gefahrenabwehr durch instinktive Wahrnehmung ausgestattet. Hormoneller, spontaner Stress und die Emotion der Angst sind die Folge, wenn dieser „Angstapparat“ (Faust o.J.: 4) anspringt. Glücklicherweise muss dieser bei weitem nicht so oft tätig werden. Aber immer noch ist er auf der Suche nach Bedrohungen. Um sich zu schützen und die Augen nach Gefahren offenhalten zu können, sucht der Mensch unterbewusst nach Input, der ihn bedrohen könnte. Nach Sinneseindrücken mit bedrohlichem Inhalt und hoher psychischer Intensität. Wenn auch diffus und indirekt: Tragische, brutale Bilder in den Medien liefern diesen bestimmt.

Vielleicht scheinen wir deshalb mit einem intrinsischen Bedürfnis nach Bedrohung, Angst und Gewalt ausgestattet zu sein. Nicht nur Formate, die über reales Geschehen berichten, verschreiben sich dem durch ihren eingangs erwähnten Duktus. Die Entertainmentlandschaft vom spießigen Tatort bis hin zu den Sternstunden des neuen Serientrends in Form von Game of Thrones oder Breaking Bad, zieht die Zuschauer nicht nur durch eine aufwendige Produktion, sondern auch durch Bilder, die von hoher Brutalität und Intensität geprägt sind, in ihren Bann. Wir scheinen das zu wollen, denn keiner verbringt wiederwillig einen Abend mit Netflix. Weil wir in unserem Alltag keiner direkt existentiellen Gefahr mehr ausgesetzt sind, unser Angstapparat „letztlich leer läuft“ (Faust o.J.: 4), versuchen wir dieses angeborene Bedürfnis anscheinend über die Medien zu befriedigen. Es bleibt also zu vermuten, dass unsere instinktive Wahrnehmung diesen medialen Sinneseindrücken eine größere emotionale Wirksamkeit zuschreibt als es die medizinische Katalogisierung bisher vermutet.

Und jetzt?

Für einen kausalen Zusammenhang zwischen Medienkonsum und einer möglichen Traumatisierung weiter argumentieren zu wollen, macht wohl wenig Sinn. Dadurch würde man die unerträgliche Situation Betroffener relativieren – sich selber einen Opferstatus zusprechen, der einem nicht gebührt. Was jedoch klargeworden ist: Die Medien und unsere Art der Rezeption stehen in einem Zusammenhang mit unserem Bild über die Welt da draußen und auch zu unserem emotionalem Selbsterleben, das dadurch eine Prägung erfährt.

Die Medien sind keine Naturgewalt, sondern werden von Menschen gestaltet. Vor allem die Formate mit nachrichtlichem Anspruch sollten hier die objektive Darstellung von Information ohne emotionalisierende Überzeichnung in den Mittelpunkt stellen und sich damit gegen die bestehenden Dynamiken im Kampf um Aufmerksamkeit und Quote stellen. Nehmen wir die aktuell leider viel zu häufig ausgestrahlten Sendungen bezüglich Terror oder Amok, wäre es hilfreich zu entschleunigen. Beispielsweise gibt es mittlerweile klare Verhaltensregeln zur medialen Kommunikation über Suizide. Hier wurden Grundsätze geschaffen, die durch eine unaufgeregte, sachlich knappe Information Nachahmungstäter verhindern sollen. Solch eine Analogie zeigt, dass und in welche Richtung Veränderungen doch möglich sind.

Hier soll kein Plädoyer für eine Zurückhaltung von brutalen Bildern gemacht werden. Denn wir sind verpflichtet die Augen vor den Realitäten anderer Menschen nicht zu verschließen, mit denen wir im Kontext der Globalisierung in kausaler Verbindung stehen.

Mein Eindruck ist jedoch, dass hier die Form der Inszenierung die angemessene Gefühlreaktion auf den wahren grausamen Inhalt verhindert. In ihrer Masse führt sie zur Gewöhnung und eine Abstumpfung zum Verlust der eigentlichen Bedeutung. Seriöse und appellierende Darstellungsformen in der richtigen Dosis sind hier sicherlich zu bevorzugen.

Medienkritik ist wichtig, aber einfach. Um mit rasanten Innovationen und möglichen Risiken Schritt halten zu können, ist eine ständig begleitende Diskussion nötig. Wichtiger als seine Kritik weiter zu differenzieren, ist es eigenes mediales Konsumverhalten zu hinterfragen. Denn eigentlich sind wir keine Opfer und Untertanen. Die Medien funktionieren nur so, da die Zuschauer diese durch ihren Konsum legitimieren. Als Vorbild kann hier der Wandel der Lebensmittelindustrie in Teilbereichen durch den Wunsch nach gesunden und fairen Produkten dienen. Durch andere Formen der Resonanz, besteht hier die Chance dem aktuellen status quo etwas entgegenzusetzen.

Literaturverzeichnis:

Bonus, Bettina (2006): In: Was ist ein Trauma?, URL: http://www.reinhardt-verlag.de/_pdf_media/leseprobe02484.pdf (25.7.2016).

Faust, Volker (o.J.): Terroranschläge „Nichts ist mehr wie es war“. Angst, Furcht, Panik – was alles zu Extrembelastungen beiträgt und wie sich die Opfer dagegen schützen. URL: http://www.psychosoziale-gesundheit.net/seele/terror.html (6.7.2016).

Fischer, Gottfried/Riedesser, Peter (2009): Lehrbuch der Psychotraumatologie. München, Ernst Reinhardt Verlag.

Garfin, Dana R./Holman, Alison/Silver, Roxane C. (2013): Media´s role in broadcasting acute stress following the Boston Marathon Bombings. Los Angeles, Proceedings of the National Academy of Sciences.

Lueger-Schuster, Brigitte (2013): Interview in „Medien können ihre Gesundheit gefährden“. URL: http://sciencev2.orf.at/stories/1729739/ (23.7.2016).

Schellong, Julia (2015): Traumafolgestörungen. Diagnostik und Behandlung. München, Hans Marseille Verlag GmbH München.

Statista (2015): Statistiken zur Mediennutzung in Deutschland. URL: http://de.statista.com/themen/101/medien/ (30.7.2016).

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