Land of the Free?

Hintergrundartikel im Rahmen der Politik&Gesellschaft Ausgabe 17 – 12/2016

Institutioneller Rassismus in Amerika

Wir leben nicht in Amerika. Alles, was wir von derart nah empfundenen, doch in Wirklichkeit weit entfernten Lebenswelten wissen, erfahren wir in der Regel nicht durch tatsächliche, sondern durch allein medial vermittelte Sinneseindrücke. Hierzulande wechselt die inhaltliche Berichterstattung zwischen Erzählungen über amerikanische Polizisten, die wieder einmal einen unbewaffneten, schwarzen Teenager erschossen haben, mit Bildern von Schwarzen, die im Rahmen von durch Black Lives Matter organisierten Demonstrationen den gewalttätigen Ausnahmezustand suchen. Auch wenn die ungerechtfertigten Tötungen unbewaffneter Menschen durch die Polizei die Gemüter nachvollziehbar erhitzen – den Fokus allein auf die „Polizeigewalt“ zu richten, rückt die zugrundeliegende Dynamik des innergesellschaftlichen Konfliktes in den Hintergrund. Denn knapp 150 Jahre nach dem Ende der Sklaverei sind Rassismus und strukturelle Benachteiligung von Schwarzen weiterhin tief in der DNA der amerikanischen Institutionen und im gesellschaftlichen Selbstverständnis verankert. Eine faktische Einordnung.

Harte Zahlen

Die Hautfarbe hat starken Einfluss auf den weiteren Verlauf der Biographie amerikanischer Bürger. Und die Aussichten sind für Schwarze bei weitem trister:

Die soziale und wirtschaftliche Benachteiligung zeigt sich auf verschiedensten Ebenen der Gesellschaft, sowie im Gebaren der Institutionen. So verlassen deutlich weniger Schwarze  das Bildungssystem mit einem Schulabschluss – wenn überhaupt, dann eher mit dem niedrigen High-School-Abschluss. Die Arbeitslosenquote unter Schwarzen ist deutlich höher als die unter Weißen. Und selbst wer eine Beschäftigung findet, ist dadurch noch lange nicht vor Armut geschützt. 50% der  Schwarzen haben weniger als 35.000 Dollar im Jahr zur Verfügung, unter Weißen sind es ungefähr 30%. Weiterhin leben rund 25% der Schwarzen unterhalb der Armutsgrenze, bei Weißen sind es 10% – der Durchschnitt liegt bei 15%.

Bereits ab der Geburt bestimmt die Hautfarbe aus statistischer Sicht nicht nur den groben Inhalt der Biographie, sondern auch ihre Länge. Denn deutlich schlechtere Lebensbedingungen für Schwarze summieren sich: Die Lebenserwartung für ein schwarzes Neugeborenes liegt vier Jahre unter derjenigen für Kinder weißer Eltern.

Kurzum: Die Wahrscheinlichkeit, den vorprogrammierten Weg des Verlierers beschreiten zu müssen, ist für Schwarze deutlich höher. Eine sozioökonomische Trennlinie zieht sich durch die Bevölkerung. Sie  teilt allein nach einem Kriterium: Der Hautfarbe.

Das alles sind Umstände, die bei jedem Betroffenen die Neigung, das eigene Auskommen in der Kriminalität zu suchen, verstärken, wenn nicht gar provozieren. Beschreiten Schwarze dann den Weg der Kriminalität, werden sie häufiger verurteilt für Delikte, die gesamtgesellschaftlich gesehen in den verschiedenen Ethnien ähnlich oft vorkommen. Dies bildet sich bei den Inhaftierungszahlen ab: 37% der amerikanischen Insassen sind schwarz, wobei Schwarze nur 13% der Gesamtbevölkerung ausmachen. In Folge der Inhaftierung verlieren Bürger ihr Wahlrecht und andere soziale Zugangsmöglichkeiten, beispielsweise das Recht auf Studienfinanzierung – ein Element des Rechts auf Bildung. Man verdammt Menschen nach der Inhaftierung zu Bürgern permanenter zweiter Klasse. Und bestätigt damit juristisch das Gefühl der Ausgrenzung – lebenslang.

 Die Soziologin Michelle Alexander spricht in ihrer Analyse des amerikanischen Justizsystems von einem „Kastensystem“, das insbesondere männliche Schwarze dauerhaft von gesellschaftlicher Partizipation ausschließt. Darüber hinaus gibt es harte Beweise für einen institutionellen Rassismus, beispielsweise im Justizsystem selbst: Vor allem der „war on drugs“ entpuppte sich recht schnell als „war on blacks“. Schwarze werden deutlich häufiger wegen Drogendelikten belangt als Weiße, obwohl der Konsum von Drogen durch die verschiedenen Ethnien ebenfalls in etwa gleich verteilt ist. Und auch bei anderen Tatbeständen werden Schwarze nicht nur relativ häufiger, sondern auch härter bestraft. Führen bereits die diffusen rassistischen Mechanismen zu schwereren Lebensbedingungen, so setzt, salopp gesagt, das Justizsystem mit seiner vollen Härte noch eins drauf – doppeltes Unrecht.

Ein Wunder

Schwarze sind nicht überproportional kriminell, weil sie schwarz sind. Schwarze werden eher kriminell, weil sie relativ ärmer sind. Das System des institutionellen Rassismus in den USA erschwert ihnen legale Möglichkeiten und vermittelt ihnen von Geburt an ein Gefühl der Minderwertigkeit im Gegensatz zu Bürgern weißer Hautfarbe. Ein diffuses Gefühl der Ungerechtigkeit, dass es ein Mensch aufgrund der Hautfarbe signifikant schwerer hat, ein selbstbestimmtes und friedliches Leben zu führen. Es ist letztlich wohl auch das Gefühl der Machtlosigkeit. Denn man kann sich mühen und anstrengen. Eines wird man wohl nicht ändern können: Die eigene Hautfarbe.

Es mag also auf den ersten Blick so erscheinen, die Ausbrüche in Folge der Demonstrationen seien durch Polizisten hervorgerufen, die Schwarze töten. Natürlich waren und sind solche Ereignisse die situativen Auslöser, nicht aber die ursprünglichen Dynamiken, an denen man ansetzen müsste, um den Rassismus in der Gesellschaft progressiv und umfassend zu thematisieren. So sucht sich in den Ausschreitungen das Gefühl der Ungleichheit, der Diskriminierung ein Ventil. Gefühle des Hasses und der Wut mögen uns in den dabei folgenden Handlungen schockieren, sind wir jedoch ehrlich: Der Zorn ist nachvollziehbar. Es ist ein Wunder, dass derartige Ausbrüche sich nicht schon viel früher und öfter artikuliert haben.

Aktuell wird viel zu sehr ein Symptom, nicht aber die Krankheit selbst behandelt. Denn der „Institutionelle Rassismus“ ist auf Kosten spektakulärer Bilder von Straßenschlachten und Ausnahmezuständen in den Hintergrund gerückt. Diese grellen Bilder versperren der amerikanischen Gesellschaft einen ehrlichen Blick in den Spiegel. In dem sie ebenso einen schwarzen Präsidenten erblicken könnte wie eine Zweiteilung, die tief in der Gesellschaft steckt und die auch die Präsenz Barack Obamas nicht ausreichend auf die Agenda setzen konnte.

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