Ein Sommer (fast) ohne Polit-Talk

Veröffentlicht via Politik&Gesellschaft


Durchatmen: Ein Sommer (fast) ohne Polit-Talk

Die warme Jahreszeit begeistert nicht nur wegen des Wetters, der wohlschmeckenderen Getränke und allgemeiner Leichtigkeit. Nein, sie bietet auch einen weiteren Vorteil. Beinahe alle Flagschiffe der medialen, politischen Debatte sind in Sommerpause. Nutzen wir also die kurze Verschnaufpause um das Format „Polit-Talkshow“ kritisch zu betrachten.

Natürlich sind wir als aufgeklärte Menschen nicht verpflichtet uns die Wills, Plasbergs, Illners usw. anzutun. Die neuen Medien bieten differenzierte Möglichkeiten sich mit dem politischen Geschehen selbstbestimmt auseinanderzusetzen. Trotz Wandel der Medienlandschaft besitzt das Format jedoch nach wie vor eine hohe Relevanz für die öffentliche Wahrnehmung von Politik. So erreicht Anne Will am Sonntagabend nach des Deutschen liebsten Tatorts locker die Grenze von 4 Millionen Zuschauern.

Der Quotendruck macht nicht vor dem Label der „öffentlich-rechtlichen“ Senders halt. Auch das Format der Polit-Talkshow unterliegt dem Konkurrenzkampf um die Köpfe der Zuschauer. Um den schnell zur Langeweile neigenden „homo zappiens“ bei der Stange zu halten, bedient sich das Format beim Handwerkzeug der Unterhaltungskultur. Das Format soll in allererster Linie unterhalten, nicht mehr und nicht weniger.

Inverviewer: „Welche Rolle spielt die Quote?“

Plasberg: „Sie spielt für uns eine große Rolle. Wir sind da wie eine Boulevardzeitung, die gekauft werden muss.“

Dabei spielt die Emotionalisierung von Themen die zentrale Rolle. Einspieler mit überzeichnender audio-visueller Untermalung gesellen sich zur konfrontativen Gesprächsführung durch den Moderator. Laut dem Medienwissenschaftler Michael Klemm ist das Stilmittel der Polarisierung, des ständig schwellenden emotionalen Ausbruches zwischen antithetischen Positionen um jeden Preis aufrechtzuerhalten. Den Druck der Quote im Nacken wäre laut Klemm Konsens, sowie ein vorangestellter informativer und objektiver Austausch der Argumente eine Katastrophe.

Diese Emotionalisierung und letztlich zwangsläufige Verkürzung komplexer Thematiken wird erweitert durch das Inszenierungselement der Personalisierung. Oft laufen Konflikte zwischen Protagonisten oder Fragestellungen des Moderators auf der Beziehungsebene und muten zeitweilig eher boulevardesk als informativ an – „Was würde ihre Frau dazu sagen?“.

Vermeintlich investigative, knallharte journalistische Einwürfe des Moderators bleiben meist wirkungslos, da sie lediglich ein redaktionell einkalkuliertes Element der Inszenierung sind. Aber nicht nur das Format an sich ist hochgradig ritualisiert und durchgetaktet. Die Gäste, die sich in das Ersatzparlament begeben, fügen sich, oh Wunder, meist reibungslos in die Choreografie der Debatte ein. Berufspolitiker, die freiwillig auf diese Bühne treten sind Fachmänner ihrer eigenen medialen Selbstdarstellung. So sind und werden sie darauf vorbereitet rhetorische Offensiv-, sowie Defensivstrategien anzuwenden. Auch sie beherrschen den Konflikt durch Verschiebung auf die Beziehungsebene zu gestalten, anstatt einen informativen Diskurs zu forcieren. Das Format nimmt solche Protagonisten dankend an.

Die Polit-Talkshow möchte eines: „Gefühle auslösen, die einer nüchtern-sachlichen Analyse im Weg stehen.“ Psychologie schlägt Rationalität. Die Inhaltsebene weicht der Beziehungsebene. Inhalte werden zu Postionen.

Eine Form der Realsatire wäre eine Neuauflage der Folge von Günther Jauch 2013 zum Thema „Politikverdrossenheit“. Das Format trägt nämlich durch seine Inszenierung von Politik zum abnehmenden Vertrauen in die Seriosität und Integrität der Volksvertreter bei. Dem Zuschauer wird kein Inhalt geboten, sondern lediglich der Eindruck, dass Politik ein Element der Entertainmentlandschaft ist.

Schlimmer noch: Die „kurzatmige Selbstinszenierung“ lädt den unkritischeren Zuschauer dazu ein sich politisch informiert und am Zahn der Zeit zu fühlen. Ebenfalls bietet die Parolenhaftigkeit exzellente Möglichkeiten ebenjene aufgeschnappte Parolen an den (zumeist düsteren) Stammtischen der Republik rauszuhauen. Ein Beitrag zur objektiven gesellschaftlichen Diskussion wird hier in jedem Fall nicht angeboten.

Natürlich ist Politik Kampf, Konflikt, Reibung. Jedoch muss dieser auf Inhalten basieren und in einem Rahmen stattfinden, der komplexen Themen zeitlich und sachlich gerecht wird. Dem Anspruch und der Notwendigkeit des besonnenen, politischen Diskurses und informativen Austausches von Positionen einer repräsentativen Demokratie wird es damit nicht gerecht.

Atmen wir also nochmal durch und rüsten wir uns für die Zeit nach der Sommerpause. Die Polit-Talkshow will unterhalten. Nicht mehr und nicht weniger. Information und Diskurs bitte woanders suchen!

 

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